BIM trifft GIS: Wie die DEGES zwei digitale Welten zusammenbringt – ein Praxisbericht
BIM-Modelle und Geodaten wachsen zusammen – warum das für Infrastrukturprojekte entscheidend ist und was die DEGES bereits erprobt.

Wer ein Autobahnprojekt plant, arbeitet gleichzeitig in zwei digitalen Welten: in der Welt der BIM-Modelle, die ein Bauwerk bis ins Detail beschreiben, und in der Welt der Geoinformationssysteme (GIS), die den räumlichen Kontext liefern – von der Topografie über Schutzgebiete bis hin zu Leitungsnetzen.
Beide Welten enthalten und strukturieren wertvolle Informationen. Beide sind heute unverzichtbar. Und doch haben sie lange nebeneinander existiert, ohne wirklich miteinander zu sprechen. Genau hier setzt die DEGES an. Viktoriia Unezheva, BIM-Managerin bei der DEGES, bringt es auf den Punkt:
Wir bringen die zwei Welten zusammen – vereinfacht ausgedrückt: Wir verheiraten die 2D-Welt mit der 3D-Welt.“
Drei Ansätze, ein Ziel
Die Integration von BIM und GIS ist kein einheitlicher Prozess – je nach Projektziel gibt es unterschiedliche Richtungen:
- GIS-to-BIM bedeutet, dass Geodaten in die BIM-Umgebung einfließen. Diesen Ansatz nutzt die DEGES bereits seit mehreren Jahren routinemäßig: Umweltplaner liefern GeoJSON-Dateien – etwa zur Lage von Biotopen, Wasserschutzgebieten oder anderen sensiblen Flächen – die direkt in das BIM-Koordinationsmodell eingebunden werden. So sehen Planungsteams auf einen Blick, welche Bereiche bei der Trassenführung unbedingt berücksichtigt werden müssen. Schutzgebiete erscheinen dabei farblich markiert im Modell.
- BIM-to-GIS geht den umgekehrten Weg: BIM-Modelle werden in die GIS-Umgebung überführt – zum Beispiel, um Bauwerke großräumig zu verorten, sie mit weiteren GIS-Daten anzureichern oder für übergeordnete Analysen. Die gemeinsame Visualisierung der Modelle ist auf unterschiedliche Weise möglich, z. B. auch über den Webbrowser in DEGES-GeO.
- BIM-and-GIS schließlich beschreibt die parallele Nutzung beider Systeme, die über eine gemeinsame Georeferenzierung miteinander verknüpft sind. Dieser Ansatz erfordert spezialisierte Software und klar definierte Prozesse.
Was die Pilotprojekte gezeigt haben
Für den BIM-to-GIS-Ansatz hat die DEGES bereits drei Pilotprojekte durchgeführt – mit konkreten Erkenntnissen für die Zukunft:
- Den Anfang machte ein Abschnitt der A 14 bei Leipzig: Als erstes BIM-to-GIS-Projekt der DEGES wurden dort Fahrbahnen und Bauwerke wie Überführungen aus dem BIM-Modell in eine GIS-Umgebung importiert. Da es noch keinen bestehenden Workflow gab, war das Projekt vor allem Grundlagenarbeit. Das Ergebnis: ein erster funktionierender Prozess zur Überführung von IFC-Daten in georeferenzierte Ebenen, die in der GIS-Software ArcGIS Pro und über das Web dargestellt werden konnten.
- Das zweite Projekt war der Tunnel Holstein bei Sontra (Hessen) – mit deutlich umfangreicheren Daten, die Erdarbeiten, Tunnelröhren, Ausstattung, Betriebsgebäude, Kanäle und mehr umfassten. Hier wurde nicht nur der Workflow aus dem A-14-Projekt bestätigt und verfeinert, sondern auch ein Script entwickelt, das die aufwändige Datenaufbereitung verkürzt. Zusätzlich wurden die Daten für den Einsatz in einer Augmented-Reality-Applikation auf mobilen Geräten aufbereitet – ein Ausblick auf künftige Nutzungsmöglichkeiten.
- Das dritte Projekt war der Tunnel Glückstadt (A 20). Hier konnte auf Python-Basis eine Teilautomatisierung aus dem Vorgängerprojekt erstmals erfolgreich systematisch eingesetzt werden. Daraus ergibt sich ein deutlich reduzierter Zeitaufwand bei der Datenprozessierung. Sowohl Fahrbahnen als auch Tunnelröhren, Trogbauwerke und Straßenausstattung wurden erfolgreich in die GIS-Umgebung überführt und gemeinsam mit GIS-Daten visualisiert. Der integrative Ansatz der DEGES an der A 20 wurde 2025 auch von der Branche gewürdigt: Für den innovativen Systemverbund aus BIM, GIS und Ökobilanzierung erhielt das Unternehmen den BIM Champion Award von buildingSMART in der Kategorie Nachhaltigkeit.
Qualität vor Quantität: die Schlüsselrolle der Datenvorbereitung
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den Pilotprojekten: BIM-Modelle müssen für den GIS-Einsatz eigens vorbereitet werden. „BIM-Modelle beinhalten sehr viele zusätzliche Informationen, die nicht für jeden Anwendungsfall nützlich sind. Die Modelle sind herausfordernd in der Bearbeitung und haben viele Attribute, die wir gar nicht in der Fülle brauchen“, erklärt Maximilian Tietzel, Geospatial Data Engineer bei DEGES.
Die Empfehlung lautet deshalb: Auch für die Nutzung in GIS-Systemen sollten für konkrete Anwendungsfälle bereinigte BIM-Modelle mit entsprechenden Detailgrad und angepassten Merkmalsumfang verwendet werden. Korrekte Georeferenzierung ist dabei keine Kür, sondern Pflicht. Und je früher im Planungsprozess diese Anforderungen in den Auftraggeber-Informations-Anforderungen (AIA) verankert werden, desto reibungsloser läuft die Integration später.
Nächste Schritte: Standards und Systemverbund
Die DEGES arbeitet daran, die gewonnenen Erkenntnisse in verbindliche Standards zu überführen. „Wir definieren zunächst für uns selbst, welche Daten wir in welcher Qualität benötigen. All das fassen wir dann in unseren Anforderungen zusammen, damit es für alle Projektbeteiligten klar und deutlich wird“, so Viktoriia Unezheva. Analog zum bestehenden BIM-Leistungskatalog entsteht ein GIS-Leistungskatalog, der beschreibt, welche GIS-Leistungen in Projekten erbracht werden können. Gleichzeitig werden die AIA um konkrete GIS-Anforderungen ergänzt – etwa zu Koordinatensystemen, Datenformaten und der Qualität von Übergabedaten.
Perspektivisch wird die DEGES auch den Ansatz BIM-and-GIS weiter erproben – also die verknüpfte, parallele Nutzung beider Systeme. Verschiedene Softwarelösungen werden dabei als mögliche Grundlage geprüft. Die Integration von BIM und GIS ist damit kein Selbstzweck, sondern ein Baustein und strukturgebendes Element auf dem Weg zu einem umfassenderen Digitalen Zwilling, der u. a. Daten aus Planung, Bau und Betrieb zunehmend zusammenführt – und so verbesserte Entscheidungen über den gesamten Lebenszyklus einer Bundesfernstraße ermöglicht.
Die DEGES setzt bei der Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten auf die Vorteile der Digitalisierung. Der dafür gegründete Projektbereich „Digitalisierung und IT“ erarbeitet seit 2018 Standards für die Ausschreibung und Umsetzung von BIM Projekten in der Planungs- und Bauphase. Durch die integrierte IT-Abteilung können digitale Lösungen ganzheitlich gedacht und umgesetzt werden. Mit einer eigenen Digitalisierungsstrategie hat die DEGES darüber hinaus die Digitalisierung aller geschäftsrelevanten Abläufe zum Unternehmensziel erklärt.
Digitalisierung lebt dabei von der Vernetzung. Wenn Sie zu unseren Digitalisierungsinitiativen etwas beitragen können oder an ähnlichen Themen arbeiten und sich austauschen wollen – wir freuen uns über die Vernetzung mit Ihnen!