Torf zurück ins Moor
Wie an der A 26 West wertvolle Lebensräume wiederhergestellt werden

Wer an den Bau einer Autobahn denkt, hat meist Bagger und Beton im Kopf – nicht aber Moore, Wiesenvögel oder nährstoffarme Binsenfluren. Doch genau um diese Lebensräume geht es bei einer besonderen Umweltmaßnahme entlang der A 26 West: der Torferhaltungs- und -entwicklungsfläche. Auf rund 15 Hektar wird hier Torf aus dem Autobahnbau so eingesetzt, dass Klima und Artenvielfalt profitieren.
Vom Drainageacker zur Torfentwicklungsfläche
Die Flächen zwischen dem Neuenfelder Hinterdeich und der künftigen Trasse der A 26 West wurden über Jahrzehnte landwirtschaftlich genutzt und dafür entwässert. Ursprünglich handelt es sich jedoch um Niedermoorstandorte – Böden, die zu den artenreichsten und zugleich klimarelevantesten Mitteleuropas zählen.
Was ist ein Niedermoor?
Niedermoore entstehen dort, wo der Boden dauerhaft so nass ist, dass abgestorbenes Pflanzenmaterial nicht vollständig zersetzt wird. Dadurch bildet sich Torf. Sie sind:
- artenreich, weil sie wechsel-feuchte, nährstoffarme Speziallebensräume bieten,
- klimawirksam, weil sie große Mengen Kohlenstoff speichern,
- selten geworden, da viele Moore entwässert und landwirtschaftlich genutzt wurden.
Bei Eingriffen in Niedermoorböden ist daher besondere Sorgfalt geboten – sowohl für die Natur als auch fürs Klima.
Nachhaltige Nutzung des anfallenden Torfs
Da im Zuge des Autobahnprojekts große Mengen Torf ausgehoben wurden, entwickelte das Planungsteam ein ressourcenschonendes Konzept: Statt den Torf kostenintensiv zu beseitigen, wird er vor Ort klimaschonend wieder eingebaut. Insgesamt rund 90.000 m³ Torf wurden dafür in mehreren Teilflächen aufgetragen.
Unter dem eingebrachten Torf sorgt eine dicht gelagerte Kleischicht dafür, dass Wasser nicht versickert. Eine randliche Verwallung hält zusätzlich Niederschlagswasser zurück. Das Ergebnis: ein dauerhaft hoher Wasserstand, der für die Entwicklung moortypischer Vegetation entscheidend ist.
Vernässung als Schlüssel
Die Flächen sind so konzipiert, dass die Torfschichten ganzjährig vernässt bleiben. Im Winter wird ein leichter Überstau von etwa zehn Zentimetern erwartet, während in der Vegetationszeit der Wasserstand in Bodennähe gehalten wird. Niederschlagsarme Phasen können über eine Zuwässerung aus der Moorwettern – die traditionellen Entwässerungsgräben im Gebiet – ausgeglichen werden.
Durch diese Wasserführung entsteht ein Wechsel aus flachen Wasserbereichen und nassen, nur dünn bewachsenen Zonen – ideale Bedingungen für Pioniervegetation auf nährstoffarmen, wechsel-feuchten Standorten.
Wo Natur zurückkehrt
Die Entwicklung der Vegetation spiegelt diesen Ansatz wider: Auf den jüngeren Teilflächen breiten sich zunächst Kleinbinsenfluren aus. In älteren Bereichen haben sich inzwischen lückige Röhrichte und Binsenbestände etabliert – typische Biotope von Niedermooren und Sümpfen.
Auch für Tiere ist die Torfentwicklungsfläche längst attraktiv geworden. Die stocherfähigen Böden, das Mosaik aus Wasserflächen und die lückige Vegetation bieten Brut- und Nahrungsräume für gefährdete Wiesenvögel, von denen sich einige sogar auf der sogenannten „Roten Liste“ befinden. Nachgewiesen wurden u. a.:
- Kiebitz
- Sandregenpfeifer und Flussregenpfeifer
- Bruchwasserläufer
- Löffelente, Schnatterente, Krickente, Knäkente
- regelmäßige Nutzung durch Bekassine, Rotschenkel, Uferschnepfe und Wachtelkönig
Was bedeutet „Rote-Liste-Art“?
Die Rote Liste erfasst Tier- und Pflanzenarten, deren Bestand gefährdet ist – von „gefährdet“ bis „vom Aussterben bedroht“.
Arten wie Kiebitz, Sandregenpfeifer, Wachtelkönig oder Bekassine stehen auf dieser Liste und genießen besonderen Schutz.
Bei Bauprojekten wird daher gezielt geprüft, wie ihre Lebensräume erhalten, verbessert oder ausgeglichen werden können.
Weitere Infos: www.rote-liste-zentrum.de
Klimaschutz trifft Wissenschaft
Moore spielen eine zentrale Rolle im Klimaschutz: Werden Torfböden entwässert, gelangen große Mengen Kohlendioxid und andere Treibhausgase in die Atmosphäre. Durch die Wiedervernässung werden diese Mineralisierungsprozesse gestoppt.
Begleitet wird die Maßnahme vom Institut für Bodenkunde der Universität Hamburg. Seit Beginn der Baumaßnahme werden die Bedingungen der eingebrachten Torfe messtechnisch untersucht – ergänzt durch Vergleichsmessungen an ungestörten Standorten. So lässt sich nachvollziehen, wie effektiv die Maßnahme funktioniert und wie sich Vegetation und Wasserhaushalt entwickeln.
Ein Gewinn für Klima und Artenvielfalt
Die Torferhaltungs- und -entwicklungsmaßnahme zeigt eindrucksvoll, wie Infrastrukturprojekte Umwelt- und Ressourcenschutz miteinander verbinden können. Die A 26 West schafft nicht nur eine neue Verkehrsverbindung – sie trägt auch dazu bei, Moorstandorte als Lebensraum und Kohlenstoffspeicher langfristig zu sichern.








