Warum braucht jemand, der fliegen kann, eine Brücke?
Fledermäuse brauchen sichere Querungen: Brücken, Unterführungen und Leitstrukturen schützen sie entlang der A 26 West vor gefährlichen Barrieren.

Fledermäuse können fliegen – und trotzdem brauchen sie Hilfe, um sicher über eine Autobahn zu kommen. Das klingt zunächst widersprüchlich – doch betrachtet man das Flugverhalten dieser Tiere genauer, wird deutlich, warum sie auf Unterstützung angewiesen sind: Viele Fledermausarten fliegen in niedriger Höhe und orientieren sich an linearen Strukturen in der Landschaft – etwa an Hecken, Baumreihen oder Gewässern. Eine Straße, die diese Strukturen durchschneidet, kann daher schnell zur gefährlichen Barriere werden.
Deshalb ist es bei modernen Infrastrukturprojekten wie der A 26 West ganz selbstverständlich, dass der Schutz von Fledermäusen von Beginn an mitgeplant wird. Ziel ist es, ihre Lebensräume zu erhalten und sichere Querungsmöglichkeiten zu schaffen – damit sie auch künftig ungehindert zwischen Quartieren und Jagdgebieten pendeln können.
Die beiden Fledermaus-Querungsbauwerke am Nincoper Moorweg (links) sowie an der „Dritten Meile“ (rechts) im Zuge der A 26 West werden aktuell errichtet.
Die Herausforderung: Straßen als Barriere
Mit dem Bau der A 26 West wird ein wichtiger neuer Verkehrsweg geschaffen. Doch Straßen zerschneiden Landschaften – auch für Tiere. Für strukturgebundene und niedrig fliegende Fledermausarten, wie die Wasserfledermaus, das Braune Langohr oder die Teichfledermaus, stellt das eine erhebliche Gefahr dar. Sie fliegen meist nur wenige Meter über dem Boden – und orientieren sich dabei z. B. an Hecken, Knicks, Gräben oder Uferlinien. Wird eine dieser Routen von einer Straße durchtrennt, kann es zu Kollisionen mit Fahrzeugen kommen – oder die Tiere meiden das Gebiet ganz.
Die Lösung: Brücken, Unterführungen und grüne Leitlinien
Um das zu verhindern, entstehen entlang der A 26 West insgesamt acht sogenannte Vernetzungsbauwerke für Fledermäuse. Das sind speziell gestaltete Brücken und Unterführungen, die auf die Bedürfnisse dieser Tiere abgestimmt sind. Zwei Beispiele:
- Die Fledermausbrücke am Nincoper Moorweg wird mit Irritationsschutzwänden ausgestattet, die dafür sorgen, dass die Tiere nicht seitlich abgelenkt werden, sondern gezielt die Brücke nutzen.
- Die Fledermausbrücke „Dritte Meile“ überspannt mit mehr als 34 Metern lichter Weite und über 4,7 Metern lichter Höhe die A 26 West. Mit einer Breite von über 13,5 Metern bietet sie zahlreichen Arten – darunter Abendsegler, Breitflügel- und Zwergfledermaus, Mücken- und Rauhautfledermaus sowie Wasserfledermaus – eine sichere Passage über die Autobahn.
- Die Unterführung am Moorburger Alten Deich ist besonders groß bemessen – mit über 4,5 Metern lichter Höhe – damit auch über Gewässer fliegende Arten die Verbindung annehmen.
Mehr als nur Bauwerke
Zusätzlich sorgen Leitstrukturen aus Gehölzen dafür, dass die Fledermäuse ihre gewohnten Flugrouten fortsetzen können. Bäume, Kopfweiden und Hecken führen sie gezielt zu den Querungshilfen. In Bereichen, in denen diese Pflanzungen noch nicht ausreichend gewachsen sind, kommen temporäre Kollisionsschutzzäune zum Einsatz. Und um die Tiere nicht in eine Sackgasse zu führen, wurden an zwei Stellen auch wenige verwirrende Gehölze entfernt, die abseits der sicheren Querungen stehen.
Biotopverbund für Hamburg
Die neuen Querungshilfen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Sie sind auch Teil eines größeren Ziels: dem Erhalt des Biotopverbunds zwischen den Elbmarschen, dem Moorgürtel und den Harburger Bergen. Diese grüne Verbindung ist für viele Arten – darunter auch seltene Fledermäuse – von zentraler Bedeutung. Die Bauwerke sorgen dafür, dass diese Lebensräume trotz der neuen Autobahn weiter erreichbar bleiben.
Naturschutz und Infrastruktur gemeinsam denken
Der Schutz von Fledermäusen entlang der A 26 West zeigt: Moderne Infrastruktur kann und muss im Einklang mit dem Naturschutz entwickelt werden. Die Autobahn bringt Mobilität – und gleichzeitig entstehen neue Lebenslinien für Tiere. So wird aus der scheinbar paradoxen Frage eine sinnvolle Antwort: Auch wer fliegen kann, braucht manchmal eine Brücke.



